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Eine schonungslos lutherische Streitschrift zum Abschlussbericht „Kirche im Wandel“

Einleitung: Luther hätte nicht höflich genickt

Wer sich auf Luther beruft, darf nicht flüstern, wenn Klartext nötig ist. Luther war kein Verwaltungsberater und kein Produzent kirchlicher Nebelkerzen. Er hat Missstände beim Namen genannt — laut, deutlich und ohne Angst vor verletzten Empfindlichkeiten.

Er wusste: Worte müssen schneiden, wenn sie die Wahrheit freilegen sollen. Worte, die alles weichzeichnen, sind keine Nächstenliebe, sondern Selbstschutz der Institution. Ein Text wie dieser will genau das tun, was der Abschlussbericht vermeidet: Klar reden. Dinge beim Namen nennen. Euphemismen zerlegen.

Wer glaubt, Reform bestehe darin, Probleme hinter frommen Floskeln zu verstecken, hat Luther nicht verstanden. Wer Reform sagt und Zentralisierung meint, sollte sich nicht wundern, wenn Widerstand laut wird.


„Denn so spricht Gott der HERR, der Heilige Israels: Wenn ihr umkehrtet und stille bliebet, so würde euch geholfen; durch Stillesein und Vertrauen würdet ihr stark sein.“
aus Jesaja 30, 15


Kapitel I: Vereinfachung – das neue Wort für mehr Komplexität

Der Bericht verspricht Vereinfachung und liefert das Gegenteil. Neue Ebenen, neue Gremien, neue Zuständigkeiten — und am Ende soll alles leichter werden?

Die Kirchgemeinde vor Ort, bisher Herz der Kirche, wird zur Filiale degradiert. Vermögen wandert nach oben, Entscheidungen gleich mit. Was früher Verantwortung vor Ort war, wird zur Vorlage für ferne und geschlossene Sitzungen. Wer behauptet, das entlaste die Basis, hat noch nie erlebt, wie sich weggenommene Selbstwirksamkeit anfühlt, wenn in der Kirchgemeinde vor Ort niemand mehr echte Verantwortung übernehmen darf.


„Jesus sprach zu seinen Jüngern: Ihr wisst, die als Herrscher gelten, halten ihre Völker nieder, und ihre Mächtigen tun ihnen Gewalt an. Aber so soll es unter euch nicht sein; sondern wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein … Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und gebe sein Leben als Lösegeld für viele.“ Markus 10, 42-45


Kapitel II: Zentralisierung als Friedensprojekt – ein Märchen

Großstrukturen werden nicht befrieden, sie werden Konflikte produzieren. Wenn zehn oder fünfzehn Kirchtürme um dieselben Mittel konkurrieren, entsteht kein Miteinander, sondern ein Verteilungskampf. Dann entscheiden nicht mehr Menschen vor Ort, sondern Gremien mit Tabellen, Prioritätenlisten und strategischen Abwägungen.

Der Preis für versprochene Wirtschaftlichkeit ist Entfremdung. Entscheidungen über Dächer, Friedhöfe oder Gebäude werden zur Verwaltungsfrage — und verlieren ihre geistliche Dimension.

Kapitel III: Der Körperschaftsstatus [1]
                 – vom „hohen Gut“ zum Problemfall [2]

Heute noch ein hohes Gut, morgen plötzlich eine Belastung. Wo sind die Zahlen? Wo sind die konkreten Beispiele? Wo die transparenten Analysen und nachvollziehbaren Begründungen? Stattdessen entsteht der Eindruck eines Problems, das groß behauptet wird, aber unbelegt bleibt.


Kapitel IV: Professionalisierung – das Zauberwort für Entmündigung

Was jahrzehnte- bzw. jahrhundertelang vor Ort funktioniert hat, soll plötzlich nur noch zentral möglich sein. Friedhöfe, Kitas, Verwaltungsaufgaben — alles müsse professionalisiert werden.[3] Aber Professionalität bedeutet nicht automatisch Verbesserung. Ihr Vorrang ist eher ein Hinweis auf den Wechsel in die Geschäftswelt.

Wer glaubt, dass die Stärke der Kirche in immer größeren Verwaltungseinheiten liegt, verwechselt Organisation mit Leben. Die Stärke der protestantischen Kirche war immer ihre lokale Verankerung — nicht ihre zentrale Steuerbarkeit.

Ist es das Ziel, mit der Kontrolle über die Liegenschaften vor Ort die Institution finanziell abzusichern?


Kapitel V: Die Ortsgemeinde als dekoratives Beiwerk

Bleiben darf sie — die Ortsgemeinde. Als Ort der Kirchensteuerzahler, als Bühne für Gottesdienste, als Reststruktur ohne echte Entscheidungsvollmacht. Rechte und Verantwortung wandern nach oben, Gestaltungsspielräume schrumpfen unten.

Das ist keine Reform. Das ist eine stille Entmachtung im Gewand der Wirtschaftlichkeit.


„Die Ältesten, die der Gemeinde gut vorstehen, die halte man zweifacher Ehre wert, besonders, die sich mühen im Wort und in der Lehre.“ (1.Tim 5,17)


[1]    EVLKS, Broschüre Kirchenvorstandswahlen 2026, S. 6: „Die Kirchgemeinden und Kirchspiele sind … öffentlich-rechtliche Körperschaften. … Dieser besondere Status ist ein hohes Gut. … einen Auftrag erfüllen, der über den privatrechtlich organisierter juristischer Personen hinausgeht.“

[2]    EVLKS, Abschlussbericht Kirche im Wandel, Empfehlung 4.2.1: Die Ortskirchgemeinden sollen „zugleich aber von den umfassenden administrativen und rechtlichen Pflichten einer Körperschaft des öffentlichen Rechts entlastet werden.“

[3]    EVLKS, Abschlussbericht Kirche im Wandel, Empfehlung 4.3.2: „Wir schlagen vor, mit der Bildung von Regionalkirchgemeinden eine sinnvolle und effektive Bündelung von kirchgemeindlichen Trägeraufgaben (Kindertagesstätten, Friedhöfe) zu verbinden, um die nötige Professionalisierung zu ermöglichen.“

Kapitel VI: „Dritte Orte“ – ein Vorwand ohne Not

Neue kirchliche Formen sind längst möglich. Sie brauchen keine neuen Machtstrukturen. Sie brauchen Vertrauen, Freiraum und geistliche Freiheit. Stattdessen droht eine neue Schicht fachlicher Begleitung — die erfahrungsgemäß schneller zur Kontrolle wird als zur Hilfe.

Wer Vielfalt fördern will, schafft Räume — keine neuen Hierarchien.

„Christus verheißt: Wo zwei oder drei in meinem Namen zusammen sind, da bin ich mitten unter ihnen.“ Matthäus 18, 20


Kapitel VII: Die große Verwaltungsträumerei

Die Vision einer zentral geführten Verwaltung für zahlreiche Gemeinden klingt beeindruckend — bis man sie konkret erlebt. Wer glaubt ernsthaft, dass eine einzelne zentrale Leitung die Realität dutzender Gemeinden kennen, verstehen und gerecht abbilden kann?

Eine Auswertung der bisherigen Reformen? Fehlanzeige!

Selbstbestimmt gesuchte Beratung wäre gewünscht, freiwillige Zusammenarbeit eine gute Lösung. Aber stattdessen wird ein Kombinat vorgeschlagen, das das Funktionierende mit dem Problematischen in einen gemeinsamen Topf wirft — und damit beides lähmt.


Kapitel VIII: Mehr Vertrauen in Gottes Handeln

Vielleicht liegt der tiefste Fehler dieses Berichts nicht in seinen Paragrafen, sondern in seiner Grundhaltung. Er atmet Misstrauen — Misstrauen gegenüber der Kraft der Gemeinden, gegenüber der Freiheit, der Kompetenz und der Verantwortlichkeit der Ehrenamtlichen. Ist das nicht Misstrauen auch gegenüber Gottes unverfügbarem Wirken selbst? Alles soll abgesichert, gebündelt, professionalisiert, kontrolliert werden. Als hinge das Reich Gottes an unseren Organigrammen.

Doch Kirche lebt nicht aus Verwaltungsplänen, sondern aus Verheißung. Sie wird nicht durch Zentralisierung bewahrt, sondern durch Glauben. Wer meint, man müsse erst alle Risiken strukturell ausschalten, bevor Kirche Zukunft hat, der hat vergessen, dass Christus seine Kirche nicht auf Sicherheitskonzepte gebaut hat, sondern auf Vertrauen.

Mehr Vertrauen in Gottes Handeln bedeutet: weniger Angst vor Vielfalt, weniger Furcht vor Verantwortung vor Ort, weniger Drang, alles beherrschen zu müssen. Die Kirche ist nicht unser Projekt, das wir durch Strukturreformen retten. Sie ist Gottes Werk. Und wer Gott vertraut, kann loslassen — auch Macht, auch Kontrolle, auch vermeintliche Sicherheiten.

Die Institution Kirche braucht nicht zuerst neue Strukturen, sondern neuen Glauben an den großen Gott, um im Vertrauen auf ihn den Weg durch die Zeit zu gehen.


„So spricht Gott, der HERR: Glaubt ihr nicht, so bleibt ihr nicht.“ Jesaja 7, 9

Zusammenfassung

Der Bericht beschönigt, wo Klarheit nötig wäre. Er verwandelt Kritik in Zustimmung[4], interpretiert Skepsis als Bestätigung[5] und verkauft gewollte Zentralisierung als notwendige Vereinfachung[6]. Kreative Ideen zur echten Entbürokratisierung fehlen fast vollständig. Statt weniger Regeln gibt es mehr Strukturen, statt Vertrauen mehr Kontrolle.

Es entsteht der Eindruck, dass die Kirchgemeinden leichter zu regieren sein sollen. Dafür wird deren Lebendigkeit aufs Spiel gesetzt.


Die eigentliche Prämisse

Verbindende Ebenen müssen dienen. Sie dürfen nicht bevormunden. Vielgestaltigkeit ist kein Fehler im System, sondern Ausdruck lebendiger Gemeinden. Eine Kirche, die ihre Basis entmachtet, verliert.


„Weidet die Herde Gottes, die euch anbefohlen ist, und achtet auf sie, nicht gezwungen, sondern freiwillig, wie es Gott gefällt, nicht um schändlichen Gewinns willen, sondern von Herzensgrund, nicht als solche, die über die Gemeinden herrschen, sondern als Vorbilder der Herde.“ 1. Petrusbrief 5,2f


[4]    Im Bericht wird anerkannt, dass zahlreiche Hinweise und Anregungen eingegangen sind. Jedoch wird nicht ihre ursprüngliche Kritik transparent gemacht, sondern sie werden lediglich als Teil einer „nach vorn weisenden Gesprächskultur“ erwähnt.

[5]    Beispiel aus EVLKS, Abschlussbericht Kirche im Wandel, S. 21: Es wird auf die Kritik eines Kirchenvorstandsmitglieds an der vertikalen Ebenenvielzahl verwiesen („Wichtig wäre…, dass es nicht zu viele Strukturebenen mit jeweiligen Gremien gibt – Ortsausschuss, Kirchenvorstand, Verbundausschuss … – das bindet zu viele Kräfte.“) diese aber in eine Kritik an der horizontalen Ebenenvielfalt umgemünzt und als Begründung zu deren Abschaffung missbraucht: „Viele Resonanzen haben die Beobachtung des Zwischenberichts bestätigt, dass das Nebeneinander der bislang parallel bestehenden Modelle kirchgemeindlicher Zusammenarbeit (Kirchspiel, Kirchgemeindebund und Schwesterkirchverhältnis) und teilweiseauch die Modelle selbst als unübersichtlich und schwer handhabbar erlebt werden.“

[6]    Viele weitreichende Behauptungen werden ohne Begründung in den Raum gestellt, Beispiel aus EVLKS, Abschlussbericht Kirche im Wandel, S. 9: „Schließlich sei noch einmal zum Ausdruck gebracht, dass die anstehenden Veränderungen nicht vollzogen werden können, ohne das Liebgewordenes aufgegeben wird.“ und „Keine Innovation ohne Exnovation.“ Das sind keine generalisierbaren Naturgesetze und ist schon gar nicht gottgegeben, sondern entscheidet sich immer im konkreten Fall, statt dass alle Fälle über eine Kamm zu scheren sind.

Weniger Geld? Dann mehr Kirche von unten!

Die große Angst hinter vielen Strukturreformen lautet: Die Mittel werden weniger, also müssen Strukturen größer werden. Doch das ist ein Denkfehler aus der Logik von Behörden — nicht aus der Logik lebendiger Gemeinde. Im Gegenteil: Große Strukturen fressen Energie, Zeit und Geld. Sie brauchen Koordination, Verwaltung, Abstimmung und Kontrolle.

Kirche von unten folgt einer anderen Logik. Sie setzt auf Verantwortung vor Ort statt entfernte Entscheidungszentren. Wo Menschen Vertrauen entgegengebracht wird und sie Verantwortung übernehmen, entstehen Lösungen, die keine zentrale Reformkommission je planen könnte. Kleine Einheiten sind beweglich, kreativ und widerstandsfähig. Sie kennen ihre Menschen, ihre Gebäude, ihre Traditionen und ihre Möglichkeiten. Sie müssen nicht jede Entscheidung durch mehrere Ebenen schleusen, sondern können direkt und zeitnah handeln.

Weniger Geld bedeutet nicht weniger Kirche — sondern weniger Bürokratie, weniger Doppelstrukturen, weniger Verwaltungsballast. Kirche von unten fragt nicht zuerst: „Wie organisieren wir die Struktur neu?“, sondern: „Was entspricht dem Willen Gottes für die Menschen vor Ort wirklich — und was können wir getrost lassen?“  Die Antwort darauf ist überall eine andere. Diese radikale Einfachheit ist kein Rückschritt, sondern eine Befreiung. Sie spart Ressourcen, weil sie Vertrauen statt Kontrolle voraussetzt.

Während große Reformmodelle versuchen, Komplexität durch erfahrene Fachleute zu beherrschen, verringert Kirche von unten die Komplexität, indem sie die Verantwortung dorthin legt, wo sie hingehört: in die Kirchgemeinden vor Ort. Sie setzt auf freiwillige Zusammenarbeit statt  auf Zwangsvereinigung, auf dienende Unterstützung statt auf dirigistische Steuerung.

Kirche von unten ist keine nostalgische Sehnsucht nach gestern — sie ist die realistische Antwort auf morgen: eine Kirche, die weniger kostet, weil sie weniger verwaltet, und mehr trägt, weil sie mehr Menschen beteiligt und so deren Vertrauen auf Gott stärkt sowie ihre Selbstwirksamkeit gabenorientiert fördert.


„Darum: Tut Buße und vertraut auf das Evangelium!“ Markus 1, 15
“Werft euer Vertrauen nicht weg, welches eine große Belohnung hat.“ Hebräer 10, 35


Basisinitiative Kirche von unten, 26.02.2026

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